Die Blauen Frauen /Les Bleues

Paris, 25.06.2109  In Frankreich findet im Moment nicht nur die Fußballweltmeisterschaft der Frauen statt – die Franzosen fiebern auch heiß mit ihrem Team.
Dieser Bericht soll nicht nur Tatsachen beschreiben, die in Deutschland weniger Beachtung finden, sondern ein Licht auf die Berichterstattung werfen – wie immer anhand von Le Monde.
Unvorstellbar, 11 Millionen französische Fernsehzuschauer sahen das Eröffnungsspiel und haben sich offenbar sofort in die Bleues verliebt (statt „Bleus“ für die Männer, man beachte das zusätzliche „e“). Mit der Begeisterung im Rücken setzen sie sich durch, sie spielen weiter in erstaunlicher Form, angefeuert vom Publikum landesweit – es ist ihre WM. Sie gewinnen auch gegen oberstarke Gegnerinnen wie Brasilien und erreichen das Viertelfinale gegen die USA am 28.6. Die französische Bevölkerung steht hinter ihnen und man hofft, die tiefe Spaltung der Gesellschaft würde für eine Zeit oder womöglich auf Dauer gekittet. Die Gelbwesten überzeugt zur Einigkeit, von Frauen in blauen Trikots.
Es gibt neue Stars – bisher nur verkannt, natürlich, wie es in einem Artikel vom 23./24.6. in Le Monde heißt. Griedge Mbock, die Mittelverteidigerin, etwa, eine 24 jährige Bretonin „mit afrikanischen Wurzeln“ würde man in Deutschland sagen, um mehr oder weniger diskret auf ihre Hautfarbe hinzuweisen. In Frankreich fehlt jede Bemerkung dazu, zum einen ist der Nachname afrikanisch und man kennt sie natürlich aus dem TV. Griedge Mbock gilt als die kommende Topspielerin, sie läuft schnell, auch länger, ist beidfüßig, technisch hervorragend, hat den Überblick über das Spiel, „eine Spezialistin der langen Pässe die millimetergenau sitzen“. Auch im Abschluss ist sie super, bleibt aber erst einmal Verteidigerin, weil keine jede Attacke voraussieht und jedes Duell gewinnt wie sie. Griedge war mit den U-Mannschaften Welt- und Europameisterin. Das erste Mal fiel sie der Presse auf, als sie von Olympique Lyon für die exorbitante Summe von 100 000 Euro gekauft wurde … Zu Hause, im Brennpunktviertel von Brest, wird sie angeblich empfangen und verehrt wie Zinedine Zidane einst in Marseille. Griedge Mbock hat darüber hinaus große Qualitäten für das Miteinander im Team – diese Aufgabe scheint ihr auch für die französische Gesellschaft zuzukommen.
Außer Griedge ist da noch die Kapitänin Wendie Renard mit ihren 1,87m, zwei geköpfte Tore gegen Südkorea, ein unwahrscheinliches Tor gegen Norwegen, zwei getroffene Elfmeter gegen Nigeria trotz großen Drucks, da sie umstritten waren.
In derselben Ausgabe von Le Monde wird als lächerliches Beispiel ein Feature über Frauensport von Clément Vautel aus dem Jahr 1921 abgedruckt. Der Schreiber rät ganz von Frauenfußball ab, da er den Charme der jungen Damen gefährde. So viel männliche Beschränktheit, das wird unterstellt, wäre heute nicht mehr denkbar.
Und schon in Le Monde vom 25.6. beschreibt Anthony Hernandez das erfolgreiche Spiel der Bleues gegen Brasilien mit einem unvorstellbar umständlichen Vergleich, über den gesamten längeren Artikel hinweg – mit dem Viertelfinale der Blauen Männer von 1998, auf das später der Sieg im Finale der WM folgte. Dieser Bericht ist vollkommen unleserlich, man erfährt nur sehr wenig darüber, wie die Frauen gegen Brasilien gespielt haben! Im Vordergrund die Erfahrung von 1998 bei den Männern.
Trotz allem und sogar ungeachtet des Erfolgs beim Publikum und in der Gesellschaft hat der Frauenfußball auch in Frankreich noch lange nicht den Platz gewonnen, der ihm gebührt.

Les Bleues

Paris, 25.06.2019  Le public français est amoureux de son équipe, les spectateurs étaient très nombreux à regarder le premier match de „sa coupe“, et c´était le coup fatal. Toute la société française soutient les bleues, fièvreusement, de match en match, et elles s´affirment et gagnent. L´enthousiasme pourrait même réparer les clivages de la société française, les gilets jaunes troqués contre les tricots bleus.
Ces évènements ne sont pas présents en Allemagne, naturellement, où le public est focussé sur l´équipe nationale. Mais comme partout, le foot féminin est sous-estimé. Ce qui se traduit d´ailleurs dans la couverture du Monde: dans l´édition du 24 juin, il y a un grand portrait de Griedge Mbock et la documentation ironique d´un article de Clément Vautel, écrit en 1921 sur le sport féminin. Mais dans l´édition du lendemain 25 juin, Anthony Hernandez compare d´une façon embrouillée le match contre les Brésiliennes avec un match des Bleus en 1998, qui était, parait-il, présage de la coupe gagnée. Après avoir lu l´article, on n´a rien compris du match de dimanche … Même avec ce succès chez le public, le foot féminin est loin d´avoir gagné.

 

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