Im Zug / Dans le train 3

Paris, 26.06.2018  Hinter Straßburg, eine rote Brücke über einen sehr blauen Kanal.
Der Streit eines Paars, er sagt recht laut: „Ich muss mich um meine Kinder kümmern …“
Er ist gekommen, als der Zug schon anfuhr. Sie, eine braune elegante Dame Mitte Vierzig, saß davor schon eine Weile auf dem Sitz schräg vor mir. „Immer die Streitigkeiten und Diskussionen …“, fügt er hinzu.
Im Zug höre ich einfach bei den Gesprächen zu, ungeniert.
Ich hatte mich neben eine blonde junge Frau gesetzt, die mir wegen ihrer Schönheit auffiel, sie war nicht gerade erfreut darüber.
Als wir an der roten Brücke vorbeifahren, flüstert sie in ihr Handy, schwankt zwischen Nervosität und Zärtlichkeit. „Den andern Zug hab ich verpasst, jetzt muss ich schauen. Ich hab die besorgte Mama gespielt, dabei ist das deine Rolle. Ruf nicht mehr an, ich muss mich konzentrieren. Wir müssen aufhören, hier im Zug darf man nicht telefonieren!“
Sie holt ein Übungsheft mit Fragen heraus, schreibt sorgfältig mit Füller und sehr heller blauer Tinte.
Einer sagt: „Jetzt haben wir schon fünf Minuten Verspätung!“
„Er hat Angst, homosexuell zu sein …“, wieder der Mann, der mit seiner Geliebten zu einem romantischen Ausflug nach Paris fährt.
Jemand pfeift höchst melodiös, es ist der Schaffner, ein älterer, großer und bärtiger Mann, er geht vorbei, die Augen fest auf das Handy gerichtet.
Auf der anderen Seite des Gangs schläft eine Jugendliche quer über den Sitzen, sie hat die letzte Nacht offenbar kein Auge zugemacht.
Bei meiner Nachbarin steigt die Spannung, als man den Schaffner hinter uns hört. Er ist redselig, perfekt zweisprachig in Französisch und Deutsch. Wahrscheinlich Elsässer, denke ich bei seinem „Alles in Ordnung“ zu meinem ausgedruckten E-Ticket.
Meine Nachbarin beugt sich vor, sie spricht schüchtern und sehr schnell:
„Ich habe ein Problem … ich hatte ein Ticket für den Ouigo heute morgen, ich war zwei Minuten vor Abfahrt des Zuges da, aber sie haben die Türen einfach geschlossen … ein Angestellter der SNCF hat mir versichert, dass es eine Lösung gibt, ich könnte diesen Zug nehmen. Meine Mutter kam ins Krankenhaus, ich habe mich um meine kleine Schwester gekümmert. Ich muss zur mündlichen Prüfung in …“
Der Schaffner und ich bekunden beide mit „Hms“ unsere Empathie.
„Sie arbeitet hart“, sagt er zu mir mit anerkennendem Nicken.
Sie flippt durch ihr Handy, um ihm ihr Ticket zu zeigen.
„Von Paris muss ich nach Bordeaux, wo morgen das Mündliche ist …“
„Zeigen Sie mir mal Ihr Ticket nach Bordeaux — ach, 13 Uhr 40, da haben Sie genügend Zeit mit der Metro nach Montparnasse zu kommen. Viel Glück!“ Er geht mit einem aufmunternden Lächeln.
„Sie haben morgen Ihr Examen?“, frage ich und halte meine Daumen nach oben.
„Ja, und meine Mutter wurde in die Psychiatrie eingeliefert“, antwortet sie und weint.
„Aber ich sehe es, Sie haben Power, das läuft sicher gut!“, sage ich und habe ebenfalls Tränen in den Augen.
Der Zug fährt 320, durch die Champagne-Pouilleuse. Die Abhänge an der Bahnstrecke haben eine kalkgraue Farbe, die Häuser unter dieser Sonne, trüb von der Hitze, die Farbe von Milch. Später, in der Champagne (ohne Zusatz), stehen helle Lieferwagen neben Weinreben von einem kruden Grün.

Kommentare sind geschlossen.