Paris im Januar ´19


Paris, 11.01.2019  „Man meint fast, es wäre Frühling“, sagt die junge Frau mit dem Kinderwagen an der Bushaltestelle. „Das Plastik mach ich nicht drüber, so viel Plastik ist nicht gut …“ Unterhalb des Lenkers der jungen Mama ist ein Regenschutz ein wenig zusammengeknittert. Die Kleine isst mit ihren kleinen Fingern sehr sorgfältig ein Stückchen Stangenbrot. „Sie ist sehr süß“, antworte ich. „Danke!“, die Frau ist froh, dass wir ins Gespräch gekommen sind. Es gefällt mir an dem 19. Bezirk, dass die Leute meist kommunikativ sind. Es ist ein sehr gemischtes Viertel, die Frau könnte aus dem Maghreb stammen, ein großer Teil der Bevölkerung hier ist jüdisch, es gibt einige Schwarzafrikaner, daneben die Franzosen und Leute wie ich, Passantinnen, die öfter hier sind.
Als sie an der nächsten Bushaltestelle aussteigen will, brüllt die Frau den Fahrer an: „und der Kinderwagen!? Monsieur!“ Die überladene und kitschige Beleuchtung des Rathauses hängt noch da, ebenso wie in den Straßen und den Einkaufsboulevards von Paris. Nach den Festtagen wirken sie verbraucht, theatral, leer. Es ist nicht kalt, aber es ist Winter, die Sonne fehlt. Spannung liegt in der Luft, die Leute scheinen noch müder als sonst. Ich sehe es an den jungen Frauen, wenn sie meinen Blick spüren, schauen sie zur Seite oder verziehen gar das Gesicht, statt zu lächeln, wie im Sommer. Was wird der morgige Samstag mit den Gelbwesten bringen? Vor den Festtagen waren die Demonstrationen zurückgegangen. Aber am letzten Wochenende gingen sie umso stärker weiter. Offenbar hatten die Maßnahmen der Regierung, die die Kaufkraft stärken sollten, nicht gewirkt. Vielleicht aus Frust darüber will sie jetzt mit Entschlossenheit, „unter Einsatz der Sicherheitskräfte“ gegen die gewalttätigen Demonstranten vorgehen. Der Präsident hatte sie sogar als „hasserfüllte Menge“ bezeichnet, noch dazu in einer Ansprache, wo er eigentlich den Französinnen und Franzosen ein gutes Neues Jahr hätte wünschen sollen.
Diese Woche wurde Macron scharf kritisiert, und zwar vom Chef der größten Gewerkschaft CFDT, Laurent Berger, dafür, dass er diesen nicht angerufen und ihn persönlich um Rat in dieser nicht endenden Krise gefragt hat. „Wir haben eine Regierung, die meint, die Lösungen dafür ganz alleine finden zu können. So geht das nicht.“ Sogar der Chef des Arbeitgeberverbands hat dem Gewerkschafter in seiner Kritik zugestimmt.
In Deutschland kommt einem diese Erwartung, dass der Staatschef einen persönlich konsultiert, komisch vor, denn bei uns laufen die Entscheidungen nicht ganz so vertikal. Ein deutscher Gewerkschaftsführer ist zufrieden, wenn er auf Ministerebene in die Beratungen eingebunden wird, und dies geschieht, wie Laurent Berger zugibt.
Macron möchte mit den Leuten direkt an der Basis sprechen, nur die Bürgermeister und die Verantwortlichen der lokalen Gebietskörperschaften sollen mitwirken, „die einzigen ´Institutionen´, denen die Mehrheit der Bürger noch vertraut“, wie die Regierenden meinen. (Le Monde 11.1.19) Macron hat für den 15. Januar den Beginn der „Großen landesweiten Debatte“ angesetzt, die den Aufruhr der Gelbwesten befrieden soll, ähnlich dem „Großen Marsch“, der ihm 2017 den Wahlsieg brachte. Ende 2018 wurde schon mit der Vorbereitung dieses großen „Forums“ begonnen, mit einem Fragebogen das jeder interessierte Bürger in seiner Gemeinde bekommen und ausfüllen konnte. Die Fragen betreffen den ökologischen Wandel, die Steuerpolitik, die Staatsreform, aber auch die Demokratie und die Zivilgesellschaft. Es ist verständlich, dass die vermittelnden Kräfte, wie die Gewerkschaften und sogar die Arbeitgeber befürchten, dass sie an den Rand gedrängt werden könnten. Selbst in der Regierung ist man sich nicht ganz einig, die „Modernen“ unterstützen „diese Kultur der Transversalität und Partizipation“, während die anderen, Vorsichtigen, vor allem Probleme sehen.

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