Simone Veil im Pantheon

Paris, 01.07.2018  Heute wird Simone Veil in einer feierlichen Zeremonie in das Pantheon „der großen Männer Frankreichs“ aufgenommen. Sie war es, die einst dafür sorgte, dass Marie Curie als eine der wenigen Frauen vor ihr „pantheonisiert“ wurde, wie es hier heißt, wenn auch erst sechzig Jahre nach deren Tod. Diesmal hat Präsident Macron die Initiative ergriffen, und erstmalig wird ironischerweise ihr Gatte, Monsieur Antoine Veil, mit umgebettet. Die allererste Frau im Pantheon, Sophie Berthelot, folgte dagegen 1907 ihrem Mann Marcellin, einem Chemiker.
Zu dem Ereignis wurde in der Wochenendbeilage von Le Monde ein Interview mit der Historikerin Michelle Perrot, einer Spezialistin der Stellung der Frau, abgedruckt, das ich hier in großen Zügen wiedergeben will, denn es zeichnet ein Bild von der Frau in der französischen Geschichte.
Dies ist umso interessanter, da im heutigen Frankreich die Frauen häufiger im Beruf und in gehobenen Stellungen stehen als in Deutschland, was unseren Eindruck einer weitgehenden Emanzipation prägt, doch hat diese erst spät eingesetzt und ist vermutlich gerade Simone Veil und ihrem Wirken zu verdanken.
Nach der Revolution 1789 wurde die Rolle der Frau im Haus gesehen, während der Mann sich in der Öffentlichkeit am Schicksal des Landes beteiligte. Grund dafür war zum einen das „Marie-Antoinette-Syndrom“, denn die Frau Ludwigs XVI wurde für die Verderbtheit und Verschwendungssucht der Monarchie verantwortlich gemacht. Außerdem wurde den beiden Geschlechtern eine „natürliche“ Komplementarität zugesprochen, männliche Kraft gegen weibliche Sanftmut. So blieb es auch das 19.Jahrhundert hindurch. Die Frau durfte in der Öffentlichkeit weder auftreten – eine „öffentliche Frau“ war eine Hure – noch ihre Stimme erheben, nicht einmal in ihrem eigenen Salon. Die Schulfächer für Mädchen waren eingeschränkt: sie wurden weder in Mathematik noch in Latein unterrichtet, das in Frankreich damals wie überall Zugang zu Kultur und Wissenschaften eröffnete. Und dies änderte sich auch nicht in den „Lycées de jeunes filles“ der III. Republik, bis in das 20. Jahrhundert hinein. Parallel dazu tobte der Streit um das Wahlrecht für Frauen (sie erhielten es in Frankreich erst 1944 in vollem Umfang), während es in Deutschland und England nach dem 1. Weltkrieg eingeführt wurde. Gerade auch die Sozialisten und Politiker der Linken waren streng dagegen, vorgeblich aus Furcht um die vielbeschworene Laizität, die als Fetisch auch heute wieder viel gesellschaftlichen Sprengstoff bietet. Diese Männer vermuteten, die Frauen würden mehrheitlich für die Kirche und die Konservativen stimmen.
In den französischen Pantheon können nur „große Männer“ gebettet werden, und Ausnahme-Frauen, die sich gleichsam ebenfalls als solche bewiesen haben. Hier schwingt noch immer mit, dass eine Frau in der Domäne der Männer keine „richtige Frau“ sei, ähnlich wie Balzac nach einem Aufenthalt bei der Romanautorin George Sand 1838 bekannte, er habe in ihr eher „einen Kameraden“ gefunden.
Simone Veil verkörpert eine solche heroische Ausnahme, indem sie alle Herausforderungen des 20. Jahrhunderts auf sich vereinte: die Shoah, die Gleichstellung der Frau, die Hoffnung auf Europa. Sie war Überlebende von Auschwitz, hatte diesen Nachschlag (Französisch rab) bekommen, eine Extraportion Leben, aus dem sie ihr Lebenswerk machte (Annick Cojean in einem weiteren Artikel): Simone Veil war im Nachkriegsfrankreich Türöffnerin und Pionierin. Sie absolvierte ein Studium an der Hochschule für den Magistrat, in einer Männerdomäne. Ihre erste Stelle, im Justizvollzug, nutzte sie anschließend für die Verbesserung der Situation von Strafgefangenen, namentlich den weiblichen. Nebenbei auch Mutter von vier Söhnen, arbeitete sie zunächst im Hintergrund an vielen Initiativen zur Reform im Sinne der Frauen, etwa 1965 bei der Neufassung der Ehegesetzgebung. Sie wurde das erste Mal 1974 unter Jacques Chirac Ministerin für Gesundheit, als der Frauenanteil im französischen Parlament 2,4 % betrug. Und 1979 wurde sie als erste Frau Präsidentin des Europaparlaments – sie setzte große Hoffnungen in das europäische Projekt.
Simone Veil verwahrte sich offenbar dagegen, Feministin genannt zu werden. Michelle Perrot sieht sie eher in einer Linie mit den Sufragetten, Frauen aus dem Bürgertum, die für ihr Wahlrecht kämpften. Auch ihre Äußerungen zu den Qualitäten der Frau werden manchen heutigen Feministinnen vielleicht widerstreben: Sie ist sicher, schreibt sie in ihrer Autobiographie, dass die „Unterschiede zwischen Männern und Frauen nicht nur körperliche sind.“ Eben daraus leitet sie ihren Einsatz für die Gleichstellung ab. Aus ihrer Erfahrung im KZ gewinnt sie die Überzeugung, „dass die Frauen eine spontane Solidarität“ und „Schwesterlichkeit“ zeigen „dass es ihnen leichter fällt, zusammen zu leben.“
Während die meist linken Feministinnen sich gesellschaftlich zunächst heraushielten, setzte Simone Veil die Errungenschaften des Feminismus der 1970er Jahre in der Politik um. So kämpfte sie als Ministerin in Frankreich bereits 1974 die Legalisierung der Abtreibung durch.
Ihr Leben und ihre Leistungen bieten Stoff für eine produktive Auseinandersetzung über Frauen in der Politik, ohne Zorn und mechanische Abwehr gegen bestimmte Positionen. Welche Ressourcen können Frauen aktivieren, die heute fehlen?
Den Frauen gehört die Zukunft in der Politik oder die Welt hat keine – das ist meine Überzeugung.

 

 

 

 

 

 

 

Die Sufragetten waren Bürgerliche, Michelle Perrot sieht auch Simone Veil in dieser Tradition, denn sie war politisch konservativ und wollte sich nicht Feministin nennen. Sie kämpfte vor allem für die Gleichstellung.

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