Weltkriegsgedenken

Paris, 09.11.2018  Emmanuel Macron wird in Deutschland nach wie vor eher wie eine Lichtgestalt gesehen, er ist Pro-Europäer und jung, so dass er eine Frische in die Politik bringt, die ihr ansonsten leider fehlt.
In Frankreich hat er schon seit seiner Wahl zum Präsidenten viele Gegner von Links, die seinem neoliberalen Hintergrund misstrauen, der sich tatsächlich in seinen häufig einsamen und genialischen Regierungsentscheidungen durchsetzt. Die Zahl der Kritiker wird immer größer, denn die Bewegung République en marche (REM), die in einer großen Welle Sachkundige aus der Gesellschaft in die Nationalversammlung brachte, tut sich schwer mit der Parlamentsarbeit, sie hatten nicht einmal ein Jahr Vorbereitungszeit, bis Macron antrat. Auch in der Umweltpolitik vergisst Macron seine Wahlversprechen (etwa die Schließung des AKW Fessenheim am Rhein, das Baden bedroht), er zeigt an der Umwelt einfach kein Interesse und darin trifft er sich leider mit einem großen Teil der französischen Gesellschaft.

Der 11. November, der in Frankreich jedes Jahr mit einem Nationalfeiertag das Ende des Ersten Weltkriegs begeht, ist der neue Aufreger. An der Gestaltung des 100. Jahrestages schlägt Macron diesmal harsche Kritik von ganz Rechts entgegen. Anstelle einer Siegesfeier mit Militärparade plant er eine Gedenkfeier mit 70 Staatenlenkern, im Bewusstsein, dass 100 Jahre danach ein neues mulitlaterales Fundament mit allen Ländern Europas geschaffen ist, auf dem eine gemeinsame Zukunft errichtet werden kann. Angela Merkel wird in Paris an seiner Seite stehen, sie war bereits im Jahr 2009 als erste deutsche Regierungsführerin bei einem Gedenken zum Ersten Weltkrieg anwesend.

Dagegen rennt die Rechte an, „Macron kehrt unserer Geschichte den Rücken“, so ist ein Artikel von Laurent Wauquiez in Le Monde (v. 8.11.) überschrieben. In seinem Gedenken würden „Helden zu Opfern gemacht“, de Gaulle habe zum 50. (im Jahr 1968, wohlgemerkt) doch noch „die Flamme des Glaubens und des nationalen Stolzes“ zelebriert, „den großen Sieg von 1918“. Macron hatte gesagt, man habe „bewaffnete Zivilisten in den Kampf geschickt“ und damit an die jahrelangen Grabenkämpfe etwa in Verdun erinnert, die Zigtausende Opfer auf allen Seiten forderten. Darauf reagiert der Nationalstolz allergisch, man schaffe „einen Friedhof des schlechten Gewissens“. Wer in letzter Zeit Berichte von diesen entsetzlichen Schlachten gelesen oder im Fernsehen erlebt hat, dem erscheint diese Kritik erfüllt von demselben Zynismus, den die Heeresführer (auf allen Seiten) damals zeigten. (Lesen Sie dazu auch meinen Hinweis in „Aktuelles“ auf dieser Webseite)

Zwei Politikwissenschaftlerinnen, Claire Demesmay und Barbara Kunz, unterstützen mit ihrem fundierten Artikel in derselben Ausgabe von Le Monde die Absicht von Macron. „In einem europäischen Kontext drängt sich der Standpunkt auf, dass dieser Krieg eine ungeheure menschliche Katastrophe war.“
Hingegen „eine Militärparade, mit der die nationalen Helden gefeiert werden sollen, ist in ihrem Wesen selbstbezogen. Sie blendet aus, dass der Erste Weltkrieg in anderen Ländern völlig unterschiedlich erlebt und auch bewertet wird.“ Polen, Finnland, die Baltischen Staaten wurden unabhängig, Ungarn verlor einen großen Teil seines Territoriums, andere Länder wie die Ukraine hatten große Verluste, insgesamt waren annähernd 10 Millionen Tote zu beklagen.
Die Autorinnen wenden sich damit explizit gegen eine homogene Auslegung der Vergangenheit – zwischen den Ländern, aber auch innerhalb eines Landes – schließlich werden auch die Hinterbliebenen der getöteten französischen Soldaten den Ersten Weltkrieg anders bewerten als die Nationalisten von heute.

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