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Beate Thill – Paris-Blog – Franco Allemand

Ma traduction
de l´ouvrage de Maryse Condé La vie sans fards en allemand

 

Maryse Condé: Das ungeschminkte Leben.
Autobiographie,
soeben erschienen bei Luchterhand, München

Hören Sie dazu  die Kritik im Deutschlandradio vom 31.5.2020

https://srv.deutschlandradio.de/themes/dradio/script/aod/index.html?audioMode=2&audioID=4&state=

Edouard Glissant:
Une nouvelle région du monde[1] -Exposé

[1] Edouard Glissant: Une nouvelle région du monde. Paris (Gallimard) 2006

Gedanken für das 21. Jahrhundert

Wie sieht man die Welt, was erzählt man über sie und wie verhält man sich in ihr, zu ihr?
Stellte sich am Ende des 20.Jahrhunderts noch die Frage, ob der Zusammenprall der Kulturen auf der Welt ein Clash, ein Konflikt sei, so stellt Glissant zu Beginn des neuen Jahrhunderts die Behauptung auf:
„Die All-Welt (Tout-Monde) ist nicht mehr ein Anderswo: sie ist die Region, die noch fehlte, dass die Welt zur Welt wurde.“ (S. 58)
Das Tout einer unendlichen Akkumulation ist dieses positive »Alles«, das Glissant vorschwebt, wenn er sein zusammengesetztes Nomen Tout-Monde erfindet, oder wenn er von Totalität spricht. In dieser Akkumulation, um die Welt zu beschreiben, ist sie total unüberschaubar und doch endlich. Dagegen steht die westliche Auffassung von Totalität als Machtanspruch (bis zum Totalitarismus).

„Eine neue Region, die eine Epoche ist und die alle Zeiten und alle Dauer auf der Welt vermischt, sie ist zugleich eine Epoche und ein unerschöpfliches (Neu-)Land, in dem sich Weiten sammeln, die nach anderen Grenzen streben, wie man es auch von den Atomen sagt.“(„Une région nouvelle qui est une époque, mêlant tous les temps et toutes les durées, une époque aussi qui est un inépuisable pays, accumulant les étendues, qui se cherchent d´autres limites, en nombre incalculable mais toujours fini, ainsi qu´on a dit des atomes.“)

Wir, als Menschheit, betreten diese neue Region – ob wir es  wollen oder nicht, wir werden in Beziehung gesetzt. Wir betreten sie alle zusammen oder die Menschheit hat keine Zukunft.
Aber:„In der All-Welt sind alle jung“ (S 63 u. 81)

Der Essay Une nouvelle région du monde Esthétique 1 beginnt mit der Kunst und ihrer Frage nach der Schönheit. Wie bereits in den früheren Essays ist eine Betrachtung der Einen Welt für Glissant die Voraussetzung dafür, dass wir friedlich zusammenleben können – und da diese Betrachtung nicht anders vorstellbar ist, muss sie ästhetisch- im engeren Sinne: poetisch – sein.

Glissant zeigt, dies ist die Intention dieser Ästhetik, wie die vorgeprägten Fragestellungen des okzidentalen Denkens überwunden werden können. Auf welche Weise Poesie, Literatur, gewisse Formen der Kunst, mit ihrer Subversion dieser Vorprägungen Erleichterung und Distanz schaffen können, und uns so den Schwebezustand einer neuen Unübersichtlichkeit im 21. Jh hinnehmen lassen. Diese unüberschaubare Diversität, die wir bei unserer heutigen Sicht auf die Welt empfinden, nennt Glissant Tout-Monde, All-Welt. Sie ist für ihn per definitionem ein Chaos.
So fällt es der Kunst, der Literatur und Poesie, den Geisteswissenschaften zu, „beim Eintritt in das Unentwirrbare zu helfen.“ Doch kann es auch jeder Einzelne, indem er seine Intuitionen von der All-Welt sammelt und reflektiert, die Glissant Gemeinplätze (lieux-communs) nennt, die in ihrer Sammlung zu „gemeinsamen Orten“ (Französisch lieux communs ohne Bindestrich) werden (S.119) – eine der Weiterentwicklungen seiner früheren Einsichten, die er in Une nouvelle région formuliert.

Glissants erste These ist, dass die Naturerfahrung als Grundlage des künstlerischen Ausdrucks auch die Gestaltung des menschlichen Zusammenlebens beeinflusst. Dies beginnt bereits in den Höhlengemälden der sogenannten „Vorgeschichte“. Glissant lehnt die eurozentrische Einteilung der Geschichte ab. Der Okzident lege mit ihr einen Abgrund („un gouffre“) zwischen sich und den Anderen, zwischen der eigenen und den anderen Kulturen und Epochen der Welt, in denen er selbst nicht bestimmend war. In der neuen Region heißt es nun, diesen Abgrund wie die anderen trennenden Klüfte „umzustürzen“ – „renverser les gouffres“
Etwa schlägt Glissant vor, die verschiedenen Geschichten, die verschiedenen kollektiven Gedächtnisse, zu teilen: „Jedes geteilte Gedenken ist die Garantie, dass wir uns darum bemühen, die Abgründe umzustürzen.“ (S.194)

Die Höhlengemälde sind nach Glissants Ansicht nicht nur primitive Darstellungen der Beutetiere, sondern in ihnen drückt sich bereits der Bezug zum Anderen aus, im Streben nach Verschmelzung, nach der Fusion mit dem Tier und der Umwelt. Am Anfang der Menschheit, bevor sich die verschiedenen Gemeinschaften differenzierten, gab es eine mythische Einheit, von der eine dunkle Sehnsucht ausgeht. Es ist die Suche nach dem Geheimnis der „magnetischen Verbindungen“ – der tiefere Sinn jeder Kunst: „Die gemeinsame Intention zu erkennen, die magnetischen Verbindungen wiederzufinden.“ (S.106) („Reconnaître la connivence, retrouver les liaisons magnétiques“.)

Bei der Frage der Schönheit geht Glissant davon aus, dass wir die Natur als schön empfinden, in der die Landschaft vielfältig und farbenreich ist.
Dagegen ist die Monotonie der Farben in der modernen Kunst und der Kunst der Gegenwart im Okzident Ausdruck einer Negation der Schönheit – Ausdruck der Unfähigkeit, zu malen, sich auszudrücken. In der europäischen Kunstgeschichte wurde dies unter anderem als „Ende des Tafelbilds“ bezeichnet.
Nach Glissant entspricht es einer Unfähigkeit, mit der Welt in Beziehung zu treten.
Daher hat nach Glissant die traditionelle europäische Betrachtung der Kunst als die Setzung von absoluten Werten wie des Guten und Schönen ausgedient.

Kunst und Schönheit haben bei Glissant einen dunklen Rest, da sie eigentlich Ausdruck des Ungewissen, des Unwahrscheinlichen, Unvorhersehbaren, des Unzählbaren und Unbenennbaren ist.
„La beauté encourt à jamais de ne pas être sue ni reconnue, c´est là sa grâce.
„Für die Schönheit besteht immer das Risiko, nicht erkannt und anerkannt zu werden, darin liegt ihr großer Reiz.“

In der europäischen Kunsttradition hat am ehesten die Poesie das Ungreifbare, Unfassbare und Unbegreifliche ausgedrückt. Sie hat stets die Intention, in der Sprache die geheime Übereinstimmung, die magnetischen Verbindungen zu suchen.
Als Beispiel führt Glissant das Dunkle bei Dichtern wie Ronsard, Villon an. Auch der anlässlich seines 250. Geburtstags zuletzt häufig zitierte Spruch von Hölderlin: „Was bleibet aber, stiften die Dichter“ weist in diese Richtung, vor allem aber beschäftigt er sich im Hyperion mit der Frage nach der ursprünglichen, mythischen Einheit und Schönheit.

Die zeitgenössische Kulturproduktion steht ganz im Gegensatz zu der so definierten Aufgabe der Kunst.
„Die Völker dienen nur noch als Publikum. (28) In den Medien wird „das ganze Unglück der Welt gefangen im machtvollen Ernst seiner Repräsentation in einer Weise, dass es im Akt des Zeigens zugleich der Zerstreuung dient. […] Was die Nachrichten uns von der Welt zeigen (nous relèvent du monde), ist nur mehr quälende Wiederholung.“
(Les peuples deviennent les publics.
Tant de malheurs, empris dans la très puissante pesée de leur représentation, sont, dès que signalés, divertis. […] Nos actualités, pour ce qu´elles relèvent du monde, nous lancinent strictement.“)

„Die Kunst wird zu ihrem eigenen Film und verliert sich darin.“ („L´art est entré dans son propre film et s´y perd.“ S.93)
Das hat wie gesagt nichts mit der Schönheit zu tun. „Denn die Schönheit enthüllt oder erschließt sich in einer Vision von der Welt … Sie weist auf das unablässige Werden hin“:
„Die Schönheit ist das Zeichen, dass sich gleich hier etwas verändern wird“. (La beauté est le signe de ce qui, là, va changer.“ S.107)
Heute wird auch die Philosophie zu einer künstlerischen Übung, zur Kunst:
Denn in der neuen Region des 21. Jh ergibt sich eine neue Definition des Seienden und des Seins:
„Ist es denn nicht vorstellbar, dass das Seiende, ohne jede Transzendenz (hin zum Sein), in seiner Gesamtheit und Vielzähligkeit als universelles Mana … sich entwickelt und fließt wie die Geologie und das Klima – wie die unterirdischen Lavamassen der Planeten?“
„Dann wäre und würde das Sein zu der unablässig realisierten Quantität aller Differenzen der All-Welt und der Welt, ohne eine einzige Ausnahme“ (Région 43)

Wenn die Beziehung als Verwirklichung des Diversen sich in der Begegnung zeigt, und zwar in der Begegnung der Differenzen dieser Diversität der All-Welt, dann nähert auch die Philosophie sich der künstlerischen Betätigung, der Kunst, an. (S.123)

Wenn Glissant diesen Essay als „poétrie“, als eine poetische Divagation über die neue Region der Welt bezeichnet, während der er die „Gemeinsamen Plätze“ zusammenliest und anhäuft, so verweist diese Verbindung von Philosophie und Kunst bereits auf sein kommendes Werk Philosophie de la Relation hin, wo er auf Grundlage dieser Sammlung seine Theorie der Beziehung weiter denkt und konstruiert.

Beate Thill
Im Moment bereite ich die Übersetzung von Philosophie de la Relation vor – möglicherweise erscheint das Buch auf Deutsch bereits Ende 2020 im Verlag Das Wunderhorn, Heidelberg.

 

 

 

 

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