Beate Thill

 

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Beate Thill
Literarische Übersetzerin

Beate Thill ist in einer deutsch-französischen Familie aufgewachsen. Das Studium der Anglistik und Geographie an der Universität Freiburg beendete sie mit dem Staatsexamen, statt Lehrerin zu werden , arbeitete sie als Redakteurin bei der Dritte-Welt-Zeitschrift Blätter des iz3w.
Schon während ihres Studiums hatte sie sich für „den Süden“ engagiert. Die Literatur aus diesem Teil der Welt zu vermitteln, würde vielleicht mehr bewegen, als die zahlreichen sozio-ökonomischen Untersuchungen. 1983 wurde sie daher freischaffende Literarische Übersetzerin für Französisch und Englisch, mit den Spezialgebieten der französischsprachigen Literatur aus der Karibik und Afrika. Sie übersetzte Romane, Essays und auch Lyrik u.a. von Edouard Glissant, Assia Djebar, J.M.G Le Clézio und Tchicaya U Tam´si, in letzter Zeit kamen Dany Laferrière und Patrick Chamoiseau hinzu.
Sie wurde für ihre Übersetzertätigkeit mehrfach ausgezeichnet, zuletzt mit dem „Internationalen Literaturpreis 2014“ für den Roman Das Rätsel der Rückkehr von Dany Laferrière, verliehen vom Haus der Kulturen der Welt in Berlin.
Sie schreibt Texte, die ihre Arbeit reflektieren, für den Rundfunk, sowie für wissenschaftliche Kongresse und Veröffentlichungen zur Traduktologie.
Sie arbeitet auch als Dolmetscherin für ein interkulturelles Filmfestival in Freiburg und wenn sie ihre Autoren auf Lesereise begleitet. Von 2005 bis 2015 war sie Kuratorin der Veranstaltungreihe SWR2 HörBAR in Freiburg, bei der Hörspiele in einem Kino aufgeführt wurden.
Beate Thill ist Mitglied im deutschen PEN.

 

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Pressemeldungen zu den Arbeiten von Beate Thill:

 

Wir sind ein Teil des Ganzen

Die Übersetzerin Beate Thill stellte bei einer kleinen Veranstaltung in ihrem Haus den Autor Edouard Glissant vor.

Durch riesengroße Panoramafenster fällt scharfkantig gleißend orangefarbene Abendsonne in den lichten Raum. Kacheln und Kelim, sachlich und sanft. Es ist Beate Thills Wohnzimmer. Hoch über Freiburg. Nah am Wald, der über benachbarten Dächern wogt. Die Freiburger Autorin und Übersetzerin hat für diesen Abend zu sich nach Hause eingeladen – das winzige Lesungs-Veranstaltungsformat der Katholischen Akademie trägt intern den Titel „Im Hause des Referenten“.
Seit drei Jahren ist Akademie-Frau Hanna Lehmann auch für diese Reihe im Programm aktiv: „Wir halten das ein bisschen bedeckt, denn es lebt davon, dass es so klein ist und dass da überhaupt nichts Voyeuristisches reinkommt.“ Die fünfzehn Teilnehmer dieses Abends fühlen sich weniger als Publikum denn als Gäste, machen es sich mit dem kredenzten Wein auf Stühlen und Sesseln bequem – und machen sich mit Beate Thill auf eine spannende Lesereise.

Martinique wäre das geografische Ziel, wollte man denn dem von ihr übersetzten Autor Edouard Glissant folgen. Tatsächlich geht es Beate Thill um die Gedankenwelt des von ihr seit Jahrzehnten übersetzten Autors. Seine außereuropäische Perspektive will sie darstellen, einen längeren Text über die Ankunft des Sklavenschiffs Rosemarie auf der Karibikinsel Martinique liest sie zur Einstimmung. Das ist quasi die Ausgangslage. Wir reden über einen schwarzen Autor, der Nachfahre von Sklaven war. „Und ich bin seine Stimme in Deutschland“, sagt Beate Thill. Die 60-Jährige hatte schon als junge Frau eine starke Verbindung zu den Themen, für die Glissant steht: Das Verhältnis vom Norden zum Süden. Als Redakteurin der Freiburger Zeitschrift iz3w beschäftigte sie sich intensiv mit den politischen und ökonomischen Aspekten von Ungleichheit. Mit Edouard Glissant wurde für sie dieses Spektrum plötzlich weit. Das erste Glissant-Buch, das sie für den Verlag Wunderhorn übersetzte, war „Die Hütte des Aufsehers“. Zu allen Fragen der Ungleichheit kam nun das dort abgebildete Trauma der Historie und dessen Bewältigung.

Draußen vor den großen Fenstern ist es dunkel geworden. „Glissants These war“, erklärt Beate Thill, „dass die Sklaven ihr menschliches Leben nur durch die Kultur in ihren Köpfen sichern konnten.“ Die mündliche Tradition spielte für die, die Glissant die „nackten Migranten“ nennt, eine große Rolle. Sprache, besser: Sprachen, Erzählfiguren, Rhythmen, alles, was sich – nicht-stofflich – mitnehmen und weiterreichen ließ. Die Zusammenkunft im Hause Thill ist keine vorgefertigte Lesung, kein gestrenger Vortrag.

Die Gästerunde wechselt Plätze, einer blättert in einem der ausgelegten Bücher, die andere holt zur Frage aus. Zum Beispiel, als Beate Thill Glissants Konzept der „Imagination“ vorstellt. Thill übersetzt diesen Begriff mit „Vorstellungswelt“, er definiert ihn – angelehnt an Sartre – als „die irrealisierende Kraft im Bewusstsein“. Glissant zufolge, erklärt seine Übersetzerin brauchen wir Visionen, Imagination, Narrative. „Stehen dagegen nicht unser technokratisches Denken und unser Sicherheitsbedürfnis?“ Kurzes Nachdenken. Mit dem Begriff der „Mondialität“ wird diese Widersprüchlichkeit zumindest in der Argumentation überbrückt. Beate Thill „übersetzt“ den Begriff für ihre Gäste: „Glissants Menschenbild ist idealistisch – er geht davon aus, dass der Mensch sich immer wieder neu zur Welt positioniert. Und was immer auf dieser Welt passiert, bebt, tönt, das alles hallt in uns nach – das nennt er Mondialität.“ Wir sind ein Teil des Ganzen und können das miterleben.

„Hierarchisches Denken, systemisches Denken bringt uns nicht weiter“, nennt Beate Thill ein wichtiges Credo von Glissant. Das Gespräch webt Linien durch den Raum. Der 1928 geborene, 2011 verstorbene Autor gewinnt immer mehr Kontur, seine Wut gegen den Kolonialismus, sein Kampf für die Unabhängigkeit, sein Wirken bei der Unesco und an Universitäten, sein Brief an Obama: Viel vermittelt sich an diesem Abend im Hause der Referentin. Die hat Glissant verstehbar gemacht – und entlässt Gäste, denen viel Neues und Fremdes begegnet ist an einem im besten Sinne familiären Abend.

Artikel von Julia Littmann aus der Badischen Zeitung, 22. September 2012

 

 

Im Raum zwischen den Sprachen

Die Freiburger Übersetzerin Beate Thill hat das jüngste Buch des Literaturnobelpreisträgers Le Clézio übertragen.

Beate Thill spricht von einem „Glücksfall“. Als Jean-Marie Gustave Le Clézio im Oktober 2008 den Literatur-Nobelpreis erhielt, hatte sie ihre Übersetzung von „Raga – Besuch auf einem unsichtbaren Kontinent“ für den Heidelberger Kleinverlag Das Wunderhorn abgeschlossen. Der Verlag reagierte schnell und brachte das Buch in einer fast bibliophilen Edition schon im November heraus. In „Raga“ – die französische Originalausgabe erschien 2006 in Paris – beschwört Le Clézio in einer betörend poetischen Sprache die Inselwelten Ozeaniens, ihre Mythen und ihre koloniale Geschichte, ihre Mysterien und ihre ökonomischen Traditionen, ihre Phantasmen und ihre Traumata. Innerhalb der vom Freiburger Literaturbüro und dem Centre Culturel Français veranstalteten Reihe „Sprechen über Sprache“ stellt Beate Thill das Buch heute im Freiburger Alten Wiehrebahnhof ins Zentrum ihres Nachdenkens über einen Autor, der in Frankreich „ein Bestsellerautor“, in Deutschland aber eine vergleichsweise unbekannte Größe ist.

Auch wenn Le Clézio französisch schreibt, ist er für Beate Thill eher ein frankophoner als ein französischer Autor; von der Insel Mauritius, östlich von Madagaskar, stammend, ist Le Clézio in verschiedenen Kulturen und auf verschiedenen Kontinenten aufgewachsen. Sein Französisch, oft „stark stilisiert“, rhythmisch gestaut, von Refrains und mündlich überlieferten Traditionen bestimmt, gelegentlich syntaktisch regelrecht „zerhackt“, ist kein autochthones, gleichsam originales Französisch, sondern ein kulturell vielfach vermitteltes, im genauen Wortsinn gebrochenes, mehrfach sprachgefiltertes Idiom. Er bewegt sich so „an den Rändern der französischen Sprache“, ähnlich wie Édouard Glissant und die Algerierin Assia Djebar, die Beate Thill beide ins Deutsche übersetzt hat.

„Man kann nicht übersetzen, was man sich nicht vorstellen kann“: Dies ist für Beate Thill Prämisse und zugleich Fazit ihrer Arbeit. Einen frankophonen Autor, wie sie ihn versteht – also einen Autor, der in seinem Sprachgestus immer auch eine fremde, eine „Ursprungskultur“ ins Französische überführt – kann sie nicht übersetzen wie einen französischen Autor im klassischen Sinn. Das Deutsch, das einem Le Clézio gerecht zu werden versucht, muss die Fremdheit von Bildern und Metaphern, „die in unserer Realität nicht vorkommen“, gleichwohl sprachlich fixieren und bannen: „Im Deutschen muss es auch anders klingen, aber nicht falsch“.

Beate Thill hat sich als Übersetzerin vor allem von Belletristik aus dem Französischen und Englischen einen Namen gemacht; wenn sie sagt: „Übersetzen ist hauptsächlich eine Arbeit im Deutschen“, so bestimmt sie damit einen aus der Praxis gewonnenen Erfahrungswert. Und zugleich ist angedeutet, warum – entgegen der gängigen Überzeugung – Wörterbücher und Lexika in diesem Geschäft oft nur unzureichend Hilfestellung bieten.

Kaum zu glauben, dass sie einen derart verdichteten und komplexen Text wie „Raga“ in gerade mal fünf Wochen übersetzt hat. In der Regel entsteht zuerst eine Rohübersetzung von Hand – sie braucht die Schreibhand, die Schreibbewegung, um Sprache entstehen zu lassen, zunächst auf dem Papier – und nicht am Bildschirm. Aus der Rohübersetzung destilliert sie, die sich in der Tradition des großen Beckett-Übersetzers Elmar Tophoven als Verfechterin eines „wörtlichen Übersetzens“ beschreibt, eine endgültige Version, die das Lektorat des Verlags dann seinerseits noch einmal Satz um Satz, Wort um Wort, mit der Originalfassung vergleicht. Es sind nach ihrer Erfahrung gerade nicht die Großen der Branche, sondern eher die Kleinverlage, die bei diesem Prozedere Sorgfalt, ja philologische Akribie walten lassen.

Kultur und Differenz, Mutterland und Kolonie, Herr und Knecht, Kapitale und Peripherie, Schriftlichkeit und mündliche Überlieferung, Fremdsprache und fremde Sprache – dies alles sind Begriffspaare, die das Arbeitsfeld, den Aktionsradius einer Übersetzerin bestimmen, die, wie Beate Thill, wichtige Erfahrungen in der „Dritte-Welt-Arbeit“ gewonnen hat. Wenn der Eindruck nicht völlig täuscht, hat sie mit ihrer Übertragung von „Raga“ eine maximale Herausforderung gemeistert, offenkundig in bravouröser Manier, indem es ihr gelingt, die nervös vibrierende, atmende, mal assoziativ mäandernde, mal analytisch argumentierende, immer enorm geschmeidige und zwischen Zartheit und Härte peilende Sprache der Vorlage im Deutschen abzubilden. Sie trifft einen Ton, der eigentlich kaum zu treffen ist. Und löst damit ein, was sie mit Verweis auf Édouard Glissant so formuliert: „Der Übersetzer sucht einen Raum zwischen den beiden Sprachen.“ Diesen Zwischen-Raum gilt es zu finden und sprachlich zu besetzen – Buch um Buch.

Artikel von Hartmut Buchholz aus der Badischen Zeitung, 10. Februar 2009

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