Für heute: Brief für Haiti, von Dany Laferrière

Brief an einen befreundeten Journalisten in Port-au-Prince, Haiti

von Dany Laferrière

 

Dem Leben einen Sinn zu geben heißt für mich, das eigene

Glück zu finden, ohne das Unglück in der Welt zu vergrößern.

D.L.

Lieber Freund,

ich wünsche Dir einen klaren Blick, Du hast ihn bisher bewiesen, nun auch für dieses Jahr, das so aus allen Ecken dieses höllischen Bermuda-Dreiecks auf uns zurast.
Ich wünsche Dir klaren Blick, damit Du nicht zu sehr in den Sumpf gerätst (die Mischung aus Morast, Blut und Öl), der vor uns liegt, denn Du würdest Deine Leser mit hineinziehen und ich gehöre zu ihnen. Das Jahr 2026 raubt uns bereits den Atem, wir werden ein paar Liter Sauerstoff brauchen, um es durchzustehen.
Epiktet rät, neben einem weinenden Freund, dem vor allem unsere Gegenwart nützt, nicht selbst Tränen zu vergießen, sonst muss ein dritter kommen, der tröstet. Zwar benötigen wir Informationen über die nationale und die internationale Ebene. Wir werden den heutigen Machthabern aber eher etwas entgegensetzen, wenn wir ohne Egoismus ein gutes Leben zu führen versuchen, während sie weiterhin alles niederwalzen, was sie auf ihrem Weg antreffen. Ihr Ziel ist offenbar, alle Lust am Leben zu ersticken. Doch jedesmal, wenn wir lachen, ist dies ein Angriff gegen die Barbarei, weil es aufzeigt, wie lächerlich ihr Projekt ist, die Hoffnung von der Erde zu tilgen. Dies ist auch der Grund, weshalb Diktatoren, ebenso wie kleine Dorftyrannen und alle incognito reisenden Monster im privaten oder öffentlichen Raum, die Poesie so hassen. Poesie findet man nicht nur in einem Gedicht, sie verbirgt sich auch in scheinbar banalen Handlungen des Alltags. Dieser Kampf besteht schon seit Anbeginn der Zeiten. Im übrigen ist selten wirklich stark, wer so aussieht. Stark ist eher eine Frau, die mit gesenktem Kopf und geballten Fäusten auf die Apotheke zugeht, während die Nacht von Explosionen erschüttert wird.
Die Zeit ist unser gefährlichster Verbündeter, denn sie bringt den Tod, ohne zu unterscheiden. Die Mächtigen glauben offenbar, Geld, Macht oder Waffen schützten sie vor dem Tod. Wir wünschen niemand den Tod, aber uns schmerzt das Los der Opfer mehr, als das der Henker.
Jeder lebendige Akt, jeder glückliche Moment, und sei es nur, mit einem Stuhl zu tanzen, ist eine Eroberung in dem Kampf, bei dem das Leben sich gegen den Tod stellt, mit Hilfe von ein paar Buchstaben des Alphabets.

 

Januar 2026                                     Dany Laferrière

„Gebiete urbar machen, auf denen bisher nur der Wahnsinn wuchert. Vordringen mit der geschliffenen Axt der Vernunft und ohne rechts und links zu sehen, um nicht dem Grauen anheimzufallen, das aus der Tiefe des Urwalds lockt.“

Walter Benjamin, geschrieben 1935, Passagen-Werk, S. 570

Défricher les terrains où ne prolifère à présent que le phantasme. Avancer avec la lame aiguisée de la raison, sans regarder à droite ni à gauche pour ne pas être envahi par l´horreur alléchant dans la profondeur de la jungle.

 

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