Der Tag danach

Paris, 08.07.2024  Überraschung! Die Wahl ist in ihrem zweiten Durchgang völlig in die andere Richtung gekippt. Stärkste Kraft im neuen französischen Parlament ist die Neue Volksfront, ein gutes Drittel der Sitze geht an die radikale Linke von Mélenchon. Das Lager von Macron (Liberale und Zentristen) ist auf den zweiten Platz gerückt, das rechtsextreme Rassemblement National unter Jordan Bardella und Marine Le Pen ist abgefallen, hat aber immer noch gegenüber der bisherigen Sitzverteilung deutlich hinzugewonnen.
20Uhr, die erste Hochrechnung, Jubel auf der Straße, Hupkonzerte, im Fernsehen glückliche Gesichter bei den ersten Stellungnahmen der Gewinnerinnen, tatsächlich sind viele Frauen in der ersten Reihe der Volksfront, die sich zwischen den Wahlgängen sehr hervorgetan haben. Die Sozialistische Partei feiert in der Bellevilloise, dem Konzertsaal mit Restaurant schräg gegenüber von meinem „Studio“. Ich gehe hin, werde ganz selbstverständlich eingelassen und schaue mir, umringt von Parteimitgliedern, jungen Aktivistinnen und Gewählten auf den Großbildschirmen den weiteren Verlauf des Wahlabends an. Im Raum verteilt, zwischen den Leuten und ohne besondere Absperrung, führen Fernsehteams von überall auf der Welt Einzelinterviews. Ich treffe einen jungen Studenten von Science-Po, nach kurzem Zögern beantwortet er einer Journalistin ein paar Fragen auf Portugiesisch, er ist zweisprachig. Partystimmung bei den Sozialisten, unter Hollande noch an der Regierung (2012-2017), war die Partei in der Zwischenzeit zur Bedeutungslosigkeit herabgesunken, jetzt ist sie wieder da!


Das Wahlsystem ist eine französische Spezialität, es verlangt Kandidaten wie Wählenden einiges ab. Vor allem die Kandidatinnen der Linken Front hatten sich vor dem zweiten Wahlgang äußerst verantwortungsvoll verhalten und waren zurückgetreten, um die Rechtsextremen zu blockieren. Insgesamt hatten sich mehr als 200 Drittplatzierte zurückgezogen, damit ein anderer Kandidat oder eine Kandidatin aus dem Republikanischen Block eine klare Chance gegen die Rechtsextremen bekam. Das war während der letzten Woche schon klar geworden, aber auch die Wählerinnen mussten „mitspielen“, und das war keineswegs selbstverständlich. Denn sie waren gezwungen, für eine Person zu stimmen, die nicht ihrer eigenen politischen Linie entsprach. Die Französinnen und Franzosen haben das getan, nur so kam dieses überraschende Ergebnis zustande.
Ein riesengroßes Vorbild auch für uns Deutsche, ein klares und verantwortungsvolles Verhalten gegen das Aufkommen der AFD. Wir haben nur nicht die Chance, in einem zweiten Wahlgang nachzulegen …

Die großartige Solidarität unter Demokratinnen hat uns in Europa gerettet.

Das weitere Vorgehen in der französischen Politik wird weniger vergnüglich werden als der Wahlabend, vor allem für Macron und seine Anhänger. Nach dieser persönlichen Schlappe zeigte sich der Präsident den ganzen Abend nicht. Premierminister Gabriel Attal tritt zurück, wird aber die Geschäfte zunächst noch weiterführen, mindestens bis nach den Olympischen Spielen …
Mich freut das Comeback der Sozialistischen Partei, es stärkt auch die Oberbürgermeisterin der Stadt Paris, Anne Hidalgo, mit ihrer innovativen nachhaltigen Politik.

 

 

 

Beate Thill

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