Wohnen in Paris

Paris, 17.01.2020  Es soll hier einmal nicht um die derzeitigen Streiks und Behinderungen in der französischen Kapitale gehen, die derzeit den Einwohnern das Leben verkomplizieren.
Die Wohnlage innerhalb der Ringautobahn, im eigentlichen Zentrum von Paris, ist so teuer geworden, dass die Stadt Einwohner verliert. Von 2012 bis 2017 waren es durchschnittlich 10620 pro Jahr. Es erübrigt sich zu betonen, dass eine Bevölkerung aus allen sozialen und Altersschichten notwendig ist, um eine Stadt am Leben zu erhalten. Leute, die anderen nur beim Leben zusehen, tragen nicht dazu bei …
Das ruft die Oberbürgermeisterin Anne Hidalgo auf den Plan, die sich in einem  Wahlkampf befindet, der ebenfalls recht kompliziert ist. Vor ihrer Amtszeit hatte sie versprochen, die Mietpreise bezahlbarer und einiges in der Stadt menschlicher zu gestalten. Doch seit ihrer Wahl 2014 sind die Preise noch einmal explodiert und die Kapitale ist zur Boom-Stadt Europas geworden. Es hat nicht viel geholfen, dass unter ihr der Anteil der Sozialwohnungen von 22,6% auf 25% steigen sollte (bis 2025).
Anne Hidalgo hat nun einige innovative und vielleicht nachahmenswerte Vorschläge zur Gestaltung der Mietpreise und des Erwerbs von Wohneigentum unterbreitet, um die Mittelschicht in der Stadt zu halten. „Die Leute sollen nicht nach dem ersten oder dem zweiten Kind wegziehen“, sagt die sozialistische OB in einem Interview (Le Monde v. 16.1.10) „Wir können den Wohnraum in Paris nicht einem hyperspekulativen Markt überlassen, der nur ins Desaster führt.“
Neue Subventionen der Stadt sollen auch für schon bestehende Wohnungen ausgegeben werden, die jungen Berufstätigen mit Familie, die nicht unbedingt Anspruch auf eine Sozialwohnung haben, zur Verfügung gestellt werden sollen, „zu etwa 20% unter dem üblichen Mietpreis.“ Für dieses und andere Modelle möchte die Kandidatin in ihrer neuen Amtszeit, so sie wiedergewählt wird, mehrere Milliarden aus dem Säckel der Stadt einbringen und mit privaten und öffentlichen Partnern auf bis zu 20 Mrd aufstocken.
Ein Vorschlag zum Erwerb von bezahlbarem Wohneigentum sieht eine Art „Solidarpacht“ (bail solidaire) vor: die Stadt kommt für Grund und Boden auf, der Käufer bezahlt nur „die Wände“ seiner Wohnung, geplant sind Neubauten auf stadteigenem Grund. Vorbild ist die Stadt Wien, die dieses Modell offenbar schon erfolgreich durchgeführt hat. Auf diese Weise würde der Quadratmeter mit 5000 Euro die Hälfte des heute üblichen Preises kosten, der freilich für Bürger auch mit gutem Einkommen phänomenal ist.
Übrigens führt Anne Hidalgo auch einen Kampf gegen Airbnb und andere Ferienwohnungsplattformen, die mit insgesamt 37000 Wohnungen den Markt belasten und die Preise verzerren.
Berlin, schau hin!

Beate Thill

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