Expo der Sammlung Pinault

Paris, 07.11.2021  Während überall auf der Welt Marmordenkmäler von ihren Sockeln gestürzt werden, um eine Revision der Kolonialgeschichte zu fordern, besuche ich eine Ausstellung in Paris, die mir wie ein Kommentar dazu erscheint. Der japanische Architekt Tadao Ando hat einem ehemaligen „Weizensilo“ mit einer wertvollen Kuppel, einer der ehemaligen Hallen von Paris, „neues Leben eingehaucht“. Nun ist es ein nagelneus Museum der Zeitgenössischen Kunst und ihre Künstler und damit ein kongenialer Rahmen für die Sammlung des französischen Industriellen François Pinault. Am Grund eines zentralen Runds, das sich zu vier Etagen aufschwingt, sind hier nur Objekte ausgestellt, die im Wachs zerfließen. In ihrer Mitte die exakte Nachbildung der Statue vom Raub der Sabinerinnen (1579-1582) von Giambologna in Florenz, dort ist sie aus Marmor, hier aber zerfließt sie langsam, denn auch sie ist aus Wachs und der Schöpfer Urs Fischer hat ihr Kerzen beigegeben, die angezündet werden.
Beides, Statuen in  Marmor (Italien) oder in Granit aufzustellen (wegen des Klimas im Rest der Welt), die ewig halten sollen, oder die vergänglichen Werke der zeitgenössischen Kunst, haben beide das gleiche Ziel, mit der Kunst die Vergänglichkeit und Zeitlichkeit zu besiegen. Sie sind zwei Seiten des gleichen Strebens des Menschen. Vielleicht ist diese Idee das beste Argument gegen die Zerstörung von Denkmälern: die zeitgenössische Kunst zeigt auf, dass sie obsolet sind, dass die Geschichte sie längst überholt hat.
Mir kommt die gesamte Ausstellung als ein Statement für die Kunst und ihre Macht vor. Am stärksten fand ich die großen, wirklich überdimensionierten photorealistischen Gemälde von Rudolf Stingel, insbesondere das Bildnis des Malers E.L. Kirchner in Militäruniform (1. Weltkrieg), als „der Mann ohne Gesicht.“

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