Die „Rasse“ und die Uni


Paris, 13.01.2019  Der Beitrag des Chefredakteurs von Le Monde (12.1.19) berichtet von dem sich verschärfenden Konflikt an den französischen Universitäten zwischen den „Universalisten“, den Verfechtern der universellen Werte, und den „Dekolonialen“, meist jüngeren Wissenschaftlern in Soziologie und Politikwissenschaften, die aus ehemaligen französischen Kolonien stammen. Michel Guerrin weist auf die Paradoxie hin, dass einerseits der Begriff „Rasse“ 2018 aus der französischen Verfassung gestrichen wurde, dass dieser nun aber an der Universität als Kampfbegriff wieder auftaucht, und zwar benutzt von der anderen Seite, den ehemals Kolonisierten. Nach Michel Guerrin sind daran die „cultural studies“ schuld, die er grosso modo als schädlichen amerikanischen Import hinstellt. Guerrin nennt aber nicht den Grund für die Streichung des Begriffs der „Rasse“, nämlich dass die Auffassung von Rassenunterschieden selbst in die Irre führt, als ein abwertender, exklusiver Essentialismus, der vor allem zur Legitimierung der kolonialen Dominanz diente.
In diesem Zusammenhang sollte man Claude Lévi-Strauss zuhören in dem schönen Film Das Jahrhundert von Lévi-Strauss, der noch auf arte+7 zu sehen ist. Zum einen wegen der Humanität des großen Ethnologen, wegen seiner gut verständlichen, flüssigen Sprechweise, seinem Charme und seiner Lebendigkeit auch im hohen Alter, vor allem aber wegen der Antwort, die er im Jahr 1971 auf die Frage zum Rassismus gab: Die Differenzierungen zwischen den Menschengruppen hätten sich zu allen Zeite in einem unablässigen Hin und Her ausgetauscht und gemischt, so dass sie keine Kriterien ergäben, nach denen man die Menschheit beschreiben könne.
Im übrigen beziehe ich mich auf Edouard Glissant, den großen schwarzen Denker aus Martinique, der für die Anerkennung der Diversität und Vermischung als Grundlage eines gleichberechtigten Zusammenlebens aller Kulturen eintritt. Wo andere einen Konflikt der Kulturen diagnostizieren, sieht er nur einen großen Mischungs- und Austauschprozess kultureller Praktiken, die Kreolisierung unserer globalisierten Welt. Glissant prangert vor allem die Auffassung einer Identität aus einer einzigen Wurzel an, und setzt ihr eine der relationalen Identität entgegen. Denn aus der ausschließlichen Wurzel sind alle Nationalismen hervorgegangen, sie prägt auch heute noch das okzidentale Denken, welches jene „Universalisten“ fördern möchten, wenn sie dessen universelle Werte als „unwandelbar“ darstellen. Offenbar sind auch einige der „Dekolonialen“ in die identitäre Falle geraten.
Wir haben in Deutschland, vor allem in Berlin, eine starke Bewegung der „Critical Whiteness“, die Ähnliches verficht, wie es in dem Artikel beschrieben wird, mit einer ähnlichen Dogmatik und bizarren Übertreibungen. So wird etwa behauptet, als „ethnisch“ begriffene Kleidungsstücke dürften nicht von Weißen getragen werden, das gleiche gelte für dreadlocks und afrikanische Zöpfchen. In Deutschland wird das mit besonderer Strenge gehandhabt, da man ohnehin darauf bedacht ist, sich an Regeln zu halten und „nichts falschmachen“ will. Die Kleidung, ein neuer Essentialismus!
Im Moment beweist in Paris die Tanztruppe von Chantal Loïal aus Guadeloupe das Gegenteil, mit ihrer Schau unter dem Titel Cercle égal demi cercle au carré (deutsch etwa: Kreis gleich Halbkreis mit Karo): Die (männlichen!) Tänzer tragen das karierte Madrastuch in der traditionellen Art auf dem Kopf gefaltet, wie die schwarzen Frauen von den Antillen. Ich zitiere die Besprechung von Rosita Boisseau (Wochenendbeilage von Le Monde, 13.1.19): „In dem lebendigen Schmelztiegel wurde das Madrastuch, das aus Indien stammt, zunächst von den weißen und dann, seit dem Ende des 18. Jahrhunderts, von den schwarzen Frauen getragen. In diesem Stoff vieler Identitäten verbinden sich Zeiten und Kulturen. Unter dem Einfluss von Edouard Glissant, einem auf Martinique geborenen französischen Schriftsteller, setzt Chantal Loïal damit die Kreolisierung in Szene, die reinen Tisch macht mit Traditionen und Stilen.“
Man kann die Kulturstudien als ganzes nicht für die Dogmatik verantwortlich machen, auch Edouard Glissant gehört schließlich dazu. Die Vergewisserung jeder Kultur über sich selbst ist der erste Schritt für ein Zusammenleben aller Kulturen, die sich in unserer globalisierten Welt begegnen und mitunter auch aufeinanderprallen. Die Black Consciousness-Bewegung war die Grundlage für den Wandel in Südafrika. Die ideologischen Krämpfe gewisser „Dekolonialer“ zeigen, dass auch dieses Denken in die Sackgasse führen kann, zum Hass, zur Erniedrigung und Zensur des Anderen, nach dem Vorbild des Universalismus im eurozentrischen Denken. Michel Guerrin sollte zugestehen, dass dieses weiter vorherrscht, weil die Weißen, und zwar die Männer, noch die Macht besitzen.
Die kulturelle Perspektive, Glissant hat es in seinen Texten aufgezeigt, ist die einzige, die uns in eine helle Zukunft führen kann, in ein Zusammenleben aller Menschen auf der Welt, in Gleichberechtigung und mit der Teilhabe aller. „Ich kann mich im Austausch mit dem Anderen verändern, ohne mich zu verlieren oder zu verfälschen“, wie Glissant sagte.

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